Quelle: Schwetzinger Zeitung vom 05.06.2010
Tag der Organspende: Wie die Leber seiner Tante dem neugeborenen Timon das Leben gerettet hat
Von unserem Redaktionsmitglied Andreas Lin
Der Bedarf an Spenderorganen in Deutschland ist groß: 12 000 Menschen warten aktuell auf eine solche lebensrettende Transplantation. Doch 2009 konnten nur etwa 4000 Organe übertragen werden. Um dem Organmangel zu begegnen und möglichst viele Menschen für das Thema Organspende zu sensibilisieren, gibt es den „Tag der Organspende“, der heute begangen wird.
„Leider gibt es noch immer Menschen, die sich noch nie mit dem Thema befasst haben, und ich muss gestehen, dass es in meinen ersten rund 20 Lebensjahren genauso gewesen ist. Man befasst sich oft erst mit Dingen, wenn sie einen selbst oder eine Person im näheren Umfeld betrifft – oft ist es dann zu spät“, sagt der Schwetzinger Thorsten Roprecht, dessen Familie seit rund acht Jahren hautnah mit diesem Thema konfrontiert ist. Damals musste sich der neugeborene Sohn Timon einer Lebertransplantation unterziehen.

Timon kurz vor der Lebertransplantation, die mehr als zehn Stunden dauerte.
„Er war das erste Frühchen überhaupt, das lebertransplantiert wurde“, berichtet Roprecht, der bei der Erinnerung an die dramatischen Wochen im Frühjahr 2002 Gänsehaut bekommt.
Die Schwangerschaft seiner Frau Petra war nahezu problemlos verlaufen, nichts hatte auf die schwere Erkrankung hingedeutet. So war die Vorfreude auf den Nachwuchs bei den Roprechts riesengroß und am 5. März 2002 – vier Wochen vor dem Termin – erblickte Timon in der Uni-Frauenklinik in Heidelberg das Licht der Welt. Doch die Freude verwandelte sich binnen weniger Sekunden in Angst: Arzt und Hebamme durchtrennten schnell die Nabelschnur und rannten mit dem Säugling auf die benachbarte Intensivstation.
„Uns wurde erklärt, dass Timon knallgelb sei und schnellstmöglich abgeklärt werden müsse, woran das läge“, erinnert sich der Vater.
Die einzige Chance
Nach stundenlangem Warten durften Petra und Thorsten Roprecht wenigstens ihren im Inkubator liegenden und an Sauerstoff angeschlossenen Sohn sehen. Geraume Zeit später berichteten die Ärzte von ungenügenden Leberwerten, die sich zunehmend verschlechterten – genau wie der Allgemeinzustand. So wurden die Eltern mit dem Thema Transplantation konfrontiert – wohlwissend, dass es die einzige Chance für Timon sein würde. Negativ ist Thorsten Roprecht ein Gespräch mit einer Seelsorgerin in Erinnerung, die unter anderem gefragt habe: „Sind Sie sicher, dass Sie eine Transplantation möchten? Wissen Sie, was Sie Ihrem Kind antun?“
Die angekündigte Transplantation war aber der Strohhalm, an den sich die Eltern klammerten. Aber da war eben auch die Tatsache, dass zuvor noch nie ein Kind, das so klein und leicht war, lebertransplantiert wurde. Und es gab nur wenige Kliniken, die sich das zutrauten – darunter nur ein deutsches Transplantationszentrum.
Timon und seine Eltern wurden nach Hamburg geflogen. Dort wurde – mittlerweile war der 9. März – festgestellt, dass sich die Leber selbst zerstörte. „Einen Grund dafür wusste man nicht“, so der Vater. Dann begann die Suche nach einem geeigneten Spenderorgan und die Ärzte entschlossen sich, eine Lebend-Spende in Betracht zu ziehen. Mutter Petra durfte nicht spenden, weil es nach einer Entbindung eine OP-Sperre gibt. Bei Thorsten war das Drittel, das entnommen werden sollte, ein Stück zu groß für Timon. Und so kam Petra Roprechts Schwester Tanja ins Spiel – und sie wurde zur Spenderin.
Tanja wurde viereinhalb Stunden operiert, bei Timon dauerte es sogar zehneinhalb Stunden. „Der Anblick war wirklich schrecklich, Zugänge, wo man nur hinschaute, zig Medikamente, die durch Schläuche in seinen Körper flossen“, erinnert sich Thorsten Roprecht an den ersten Besuch auf der Intensivstation.
Doch Timons Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag und nach rund sieben Wochen in Hamburg durfte die junge Familie die Heimreise antreten. Es begann eine schwere Zeit („vor allem für Petra“), denn im ersten Jahr sollten die Roprechts öffentliche Verkehrsmittel, Menschenansammlungen und andere Kinder meiden, damit sich Timon mit nichts ansteckt. Und die jungen Eltern (damals erst 23 und 24 Jahre) waren sicher durch diese Erfahrungen enorm gereift: „Wir waren nicht mehr die Gleichen, als wir aus Hamburg zurückkamen.“
Ein ganz normaler Junge
Heute ist Timon acht Jahre alt und wächst vollkommen normal auf, ist auch körperlich altersgerecht entwickelt. Er geht in die zweite Klasse der Nordstadtschule, spielt bei der Badenia Fußball und geht zum Budoclub ins Judotraining. Mit seiner Erkrankung geht er ziemlich routiniert um. „Manchmal nerven ihn die Arztbesuche und die Medikamente schon“, lacht Thorsten Roprecht. Aber Timon wisse inzwischen, dass das alles für ihn lebenswichtig ist.

Heute spielt der achtjährige Timon Roprecht (rechts) ganz unbeschwert mit Bruder Cedric und anderen Kindern. Er muss regelmäßig Medikamente nehmen.
Seit sechs Jahren lebt die inzwischen vierköpfige Familie Roprecht (Bruder Cedric kam Mitte 2003 zur Welt) in Schwetzingen und fühlt sich hier pudelwohl. Der gelernte Einzelhandelskaufmann, der in der Heidelberger Innenstadt zwei Chocolaterien betreibt, ist gesellschaftlich sehr engagiert, unter anderem als Vorsitzender der Interessengemeinschaft Schwetzinger Vereine und des Fördervereins des evangelischen Luther-Kindergartens sowie als stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsvereins.
Nicht so bekannt ist sein Engagement für das Thema Organspende. Thorsten Roprecht ist zum Beispiel Mitglied beim Verein leberkrankes Kind, unterstützt das Forum „Fürs Leben“ und ist ein leidenschaftlicher Werber für den Organspendeausweis. Gerade am heutigen Tag der Organspende sei es wichtig, die Aufklärungsarbeit dafür in den Blickpunkt zu rücken. „So hat man auch die Möglichkeit, seinen Hinterbliebenen eine schwere Entscheidung abzunehmen.“ Auch wenn man nicht spenden möchte, denn auch das könne auf dem Ausweis vermerkt werden.
Schon viele Bekannte überzeugt
„Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, viele Menschen in meinem Umfeld davon zu überzeugen und ich bitte jeden, Werbung für dieses lebenswichtige Thema zu machen. Die Notwendigkeit einer Transplantation kann jeden von uns treffen – manchmal schneller als man denkt – und dann wäre jeder glücklich, wenn schnellstmöglich ein Organ zur Verfügung steht.“
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Werden Sie Organspender:
Der Organspendeausweis ist das einfachste und sicherste Mittel, um die persönliche Entscheidung zur Organspende zu dokumentieren. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind rund zwei Drittel der Deutschen bereit, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Doch nur jeder sechste Bundesbürger hat einen Organspendeausweis ausgefüllt. Darüber hinaus wissen zwar 96 Prozent der Deutschen, dass es den Ausweis gibt, doch lediglich die Hälfte kennen dessen Inhalte.
So kann man nicht nur einer Organ und Gewebespende zustimmen, sondern diese auch ablehnen oder auf bestimmte Organe beschränken. Die Daten werden nirgendwo gespeichert und der Entschluss kann jederzeit widerrufen werden. Darüberhinaus entlastet ein Organspendeausweis die Familie. Denn wenn dieser im Fall des Todes nicht vorliegt, müssen Familienmitglieder über eine Organspende entscheiden. In einer ohnehin schweren Situation bedeutet dies eine zusätzliche Belastung.
„Jeden Tag sterben drei Patienten auf der Warteliste“, weil sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ erhalten haben“, betont Prof. Dr. Pott. „Wenn jeder von uns eine Entscheidung für die Organspende trifft, könnte vielen geholfen werden.“
Das Infotelefon Organspende, ein Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, steht für alle Fragen zur Verfügung. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800/90 40 400 geben geschulte Mitarbeiterinnen montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr Auskunft.
Unter www.organspende-info.de stehen der Organspendeausweis sowie Infomaterialien zum Download.
Kostenlose Bestellungen bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 51101 Köln, Fax: 0221-8992257, E-mail: order@bzga.de.
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